Der Rasen muss auch mal warten

Alle vier Stunden greift Günter Weber aus dem Potsdamer Ortsteil Groß Glienicke zu seinen Tabletten. Vergisst er es, erinnert ihn Ehefrau Ruth daran. Seit sieben Jahren geht das so. Damals bekam der Rentner die Diagnose Parkinson. In seinem Gehirn sterben Nervenzellen ab, die das Hormon Dopamin produzieren.

Günter Weber übernimmt das Rasenmähen im Garten - wenn es seine Krankheit zulässt.

Potsdam. Die Folgen im Fall des 79-Jährigen: voranschreitende Muskelsteifheit, Gleichgewichtsstörungen, Antriebslosigkeit, Wortfindungsprobleme. Er läuft langsam, macht kleine Schritte, nuschelt beim Reden ein bisschen. Manchmal dauert es einen Moment, bis er auf Fragen antwortet.

Dennoch ist er lebensfroh, lacht viel. „Von Selbstmitleid halte ich nichts“, sagt Günter Weber. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, denke er lieber an Menschen, denen es schlechter geht als ihm selbst, und freut sich, wenn er einen guten Tag hat. Ist er auf die Medikamente, die das fehlende Dopamin ausgleichen, gut eingestellt, hat er viele solcher Tage. „Aber weil die Nervenzellen nach und nach absterben, weiß man nie, wie hoch der Bedarf gerade ist“, erklärt Ruth Weber. Deshalb merke ihr Mann anhand der Symptome manchmal auch vor Ablauf der vier Stunden, dass es Zeit für die nächste Dosis ist. Abgesehen von den Tabletten soll die Krankheit im Alltag der Webers nur eine untergeordnete Rolle spielen. „Wir gehen viel spazieren, machen jeden Tag Frühsport auf der Terrasse und bewegen uns auch sonst viel“, sagt Günter Weber, der außerdem jede Woche eine Sportgruppe für Parkinsonpatienten besucht. Das sei für die Krankheit gut, bereite beiden aber sowieso Vergnügen. Bei schönem Wetter kommt die Arbeit im Garten hinter dem Eigenheim des Ehepaares dazu. Die Aufgaben sind dabei klar verteilt: Sie ist für Pflanzen und Beete zuständig, er fürs Grobe, etwa Rasenmähen. Das funktioniere ganz gut, ist sich das Ehepaar einig.

Allerdings bestimmt gelegentlich die Krankheit, wann der Rasen einen neuen Schnitt bekommt. „Manchmal will ich etwas machen, kann mich aber einfach nicht aufraffen, dann mache ich es eben an einem anderen Tag“, sagt Günter Weber. „Das ist ja kein Problem, ich habe auch nicht immer Lust, an den Beeten zu arbeiten“, sagt seine Frau. Überhaupt sei im Umgang mit Parkinson viel eine Frage der Gewohnheit. „Ich weiß zum Beispiel, dass ich meinem Mann nicht einfach irgendwas in die Hand drücken und loslassen kann, sondern warten muss, bis er auch wirklich zugegriffen hat“, erklärt Ruth Weber.

Landet doch mal etwas auf dem Boden, macht das Ehepaar Weber nicht viel Aufhebens darum. „Wir freuen uns lieber über jeden Tag, an dem es gut geht“, sagt Ruth Weber. Schließlich könne man sich trotz der Krankheit psychisch selbst positiv beeinflussen. „Wir sehen vor allem auch unser Umfeld, unsere Kinder und Enkel“, erzählt die 78-Jährige. Und es gibt noch einen weiteren Grund zur Freude: Trotz aller Einschränkungen, die im Laufe der Jahre weiter fortschreiten werden: Schmerzen hat Günter Weber nicht.

Von Stephanie Philipp