Ingeborg Siebenhüner leidet seit 14 Jahren an Parkinson –

Herr P. ist ihr ständiger Begleiter

 

Herr P. ist immer da. Beim Aufstehen, bei der Hausarbeit, beim Einkaufen. „Mal macht er mir mehr, mal weniger Probleme“, sagt Ingeborg Siebenhüner. Die Seniorin aus Brandenburg an der Havel hat ihrer Krankheit einen eigenen Namen gegeben. Parkinson – Herr P.

Brandenburg an der Havel. Sie erzählt von ihm wie von einem ungeliebten, entfernten Verwandten, den man der Höflichkeit wegen nicht ausladen kann. Dabei zittern ihre Hände, die sie zur Beruhigung auf  den Tisch oder die Sitzfläche ihres Stuhls drückt. Es hilft nicht viel. Dennoch geht beim Befüllen des Wasserglases kein Tropfen daneben. Herr P. und Ingeborg Siebenhüner haben sich aneinander gewöhnt, seit 1999 bereits gehen sie gemeinsam durchs Leben.

„Im Moment habe ich wieder mehr Probleme, die Hände zappeln viel“, sagt die 73-Jährige. Nach einem mehrwöchigen Klinik aufenthalt müsste sie neu auf ihre Medikamente eingestellt werden. „Aber mein Neurologe ist gerade im Urlaub“, sagt sie. Also muss der Alltag vorerst auch so funktio nieren, denn Aufgeben kommt für Ingeborg Siebenhüner keinesfalls in Frage.

„Herr P. darf nicht die Oberhand gewinnen“, sagt sie. Deshalb hat sich die alleinstehende Seniorin auch nicht entmutigen lassen, als es mit dem Antrag auf eine Pflegestufe nicht geklappt hat. „Nun muss ich eben weiter die Hilfe eines Bekannten annehmen“, sagt sie beinahe trotzig und zuckt mit den Schultern. Einkaufen gehen oder Fenster putzen sind solche Dinge, die ohne Hilfe nicht mehr funktionieren.

„Wenn ich nur mal eine Kleinigkeit aus dem Supermarkt brauche, dann erledige ich das mit dem Fahrrad, damit kann ich noch gut fahren. Aber mehr als fünf Kilo kann ich nicht mehr bewältigen“, sagt Ingeborg Siebenhüner. Im Hochsommer den Wasservorrat auffüllen? Unmöglich. Auch beim Gardinenwaschen stößt sie an ihre Grenzen. „Weil ich nicht mehr auf einen Stuhl klettern kann, muss ich mir etwas einfallen lassen“, sagt sie. Beim Abhängen der Stoffe benutzt sie deshalb einen Besenstiel als verlängerten Arm.

Nach dem Waschen ist sie trotz ihrer kreativen Kniffe mit ihrem Latein meist am Ende. Dann spätestens muss Hilfe her.

Überhaupt funktionieren solche Arbeiten nur an guten Tagen. „Wenn es ganz schlimm ist, dann bewege ich mich auf allen Vieren durch die Wohnung“, sagt sie. Auch die Medikamente können das nicht immer verhindern. Auch, weil die 73-Jährige so wenige Tabletten wie möglich zu sich nehmen will. „Ich nehme jetzt schon sechs- bis achtmal am Tag meine Pillen, irgendwann geht die Dosis nicht mehr höher, das will ich so lange wie möglich nach hinten schieben“, sagt sie. Das sei zwar auch nicht immer richtig, aber jeder kämpfe letztlich seinen eigenen Kampf. „Das zehrt schon an einem“, sagt sie.

Um beim Kämpfen nicht ganz allein zu sein, hat sich die Seniorin einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Der Austausch über die Krankheit und neue Behandlungsmethoden tut gut. Und langweilig wird es so auch nicht. „Ich kümmere mich um die Finanzen der Gruppe und bastle Geburtstagskarten“, sagt sie. Die kreative Arbeit sei gut für die Motorik und ersetze das Häkeln, das lange ihr Hobby war. „Das kann ich nicht mehr, aber dafür male ich jetzt“, sagt Ingeborg Siebenhüner. So hat sie Herrn P. wieder mal ein Schnippchen geschlagen.

Von Stephanie Philipp