Spiegel-Journalist Stefan Berg schreibt über seine Krankheit –

„Man kann heil und krank zugleich sein“

 

Der „Spiegel“-Journalist Stefan Berg ist an Parkinson erkrankt. Er hat eine Erzählung darüber geschrieben.

Der Journalist und Autor Stefan Berg in seinem Arbeitszimmer in Lunow. Dort schrieb er sein Buch "Zitterpartie", das im Suhrkamp Verlag erscheint.

Potsdam. In dem Buch „Zitterpartie“ verarbeitet Stefan Berg seine Erfahrungen mit Parkinson.

MAZ: Sie waren 44, als Sie die Diagnose Parkinson bekamen. Was war Ihr erster Gedanke?

Stefan Berg: Es war einerseits ein Schock. Bei dem Wort Parkinson denkt man an den Papst oder Muhammad Ali, auf jeden Fall an ältere Leute. Aber es war auch Erleichterung dabei, weil mir schon klar war, dass bei mir etwas nicht stimmt.

Woran hatten Sie das gemerkt?

Berg: Ich hatte schon seit ein paar Jahren Probleme mit bestimmten Bewegungsabläufen auf der linken Seite, die bei mir von der Krankheit betroffen ist. Ich hatte manchmal Ängste in Situationen, in denen ich vorher ganz sicher war, ein Unsicherheitsgefühl, eine Scheu, mit Menschen in Kontakt zu treten. Und der linke Arm schwang nicht mehr richtig durch. Ich habe erst gedacht, es ist der Stress oder ein Muskelkater. Es war dann ein etwas größerer Muskelkater.

Sie standen damals mitten im Leben, waren stellvertretender Ressortleiter beim „Spiegel“, haben außerdem eine Frau und vier Kinder...

Berg: Ja, ich musste mein Leben umstellen. Ich habe mich aus der Ressortleitung beim „Spiegel“ zurückgezogen und suchte das Alleinsein. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich erst mal mit mir selbst auseinandersetzen.

Zur Person

· Stefan Berg wurde 1964 in Ostberlin geboren.

· Derzeit lebt er mit seiner Frau und seinen vier Kindern teils in Berlin, teils in Brandenburg.

· Seine journalistische Laufbahn begann Berg bei Kirchenzeitungen in der DDR. Ab 1991 arbeitete er als Redakteur beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt (heute Chrismon). 1996 wechselte er dann zum Spiegel, wo er heute tätig ist.

· Sein Buch „Zitterpartie“, in dem Berg die Geschichte eines Parkinson-Kranken und einer Frau erzählt, erschien 2011 in der Edition Chrismon und 2013 als Taschenbuch im Suhrkamp-Verlag.

· Mit dem Schriftsteller Günter de Bruyn arbeitet Berg derzeit an einem weiteren Buch, das im Herbst 2014 im Fischer-Verlag erscheint.

· Thema ist ein langer Briefwechsel, den Berg und de Bruyn in den 80er Jahren der DDR hatten  Bruyn war damals schon ein berühmter Schriftsteller, Berg war Abiturient. Als Berg sich entschied, den Dienst mit der Waffe zu verweigern, ermutigte Bruyn ihn und schrieb ihm während der gesamten Armeezeit, die Berg als Bausoldat ableistete. Für den jungen Mann waren diese Briefe „Nahrung für die Seele“. Die Stasi hat alle abgefangen. Aus den Briefen und den Akten entsteht nun ein Buch.

 

Wie hat Ihr Umfeld auf diesen Rückzug reagiert?

Berg: Für meine Frau und meine Kinder war es sehr schwierig, weil ich am Anfang sehr wenig kommuniziert habe. Das kennt man von vielen Parkinson-Kranken, eine Tendenz zum Autismus. Mit der Zeit konnte ich aber darüber sprechen, so haben wir diese schwierige Phase überwunden. Ich habe das Glück, dass ich außerdem einen großartigen Arbeitgeber habe. Heute arbeite ich an vier Tagen pro Woche.

Ist es Ihnen schwergefallen, Schwäche einzugestehen?

Berg: Nein. Ich fand immer, dass Schwäche und Scheitern genauso Teil des Lebens sind wie Gesundsein und Erfolg. Warum soll ich nur das eine zeigen und das andere nicht?

Sie haben sogar entschieden, mit der Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen, ein Buch zu schreiben. Warum?

Berg: Beim Aufschreiben der Dinge habe ich erst mal nicht an ein Buch gedacht, es diente mir zur Selbstverständigung. Dann merkte ich, dass es andere interessiert. Ich war schon immer ein Mensch, der offen mit seinen Fragen umgeht. Auch in der DDR habe ich keinen Hehl aus meiner Meinung und meiner Lebenshaltung gemacht.

Das klingt, als stecke viel Autobiografisches in dem Buch.

Berg: Vieles, was den Kranken in dem Buch betrifft, hat mit meiner Geschichte zu tun. Die Frau, die im Buch eine Beziehung zu dem Kranken hat, ist eine Art Märchenfigur. Aber einige Probleme, die da geschildert werden, habe ich auch erlebt. Im Kern geht es darum zu sagen: Krankheit ist auch ein soziales Phänomen.

Sie vergleichen Parkinson auch mit der DDR.

Berg: Sowohl die DDR als auch die Krankheit betreffen meine Bewegungsfreiheit. Die DDR wurde mir immer als ewiges Schicksal dargestellt, von meinen Eltern, von meinen Lehrern, und ich habe immer gedacht: Das kann doch nicht sein, dagegen muss man sich wehren. Und jetzt habe ich eine Krankheit, die wieder als unheilbar dargestellt wird. Als Schicksal.

Was stört Sie so sehr an diesem Begriff unheilbar?

Berg: Es gibt Krankheiten, die nicht reparabel sind und Parkinson gehört dazu. Aber ich glaube, man kann heil und krank zugleich sein. Das Wort unheilbar gibt der Krankheit einen zu großen Raum. Ich versuche, aus den gesunden Teilen Energie zu schöpfen, um die Krankheit zu begrenzen.

Wie haben Sie es geschafft, diese Einstellung zu finden?

Berg: Ich habe da einiges aus der DDR mitgenommen, den Humor etwa. Oder meine Erfahrung, sich in der Schule oder der Armee zu wehren. Freiheit ist immer das, was du dir nimmst. Für mich spielt auch der Sport eine große Rolle. Ich fahre ein paar Tausend Kilometer Rad pro Jahr und bin jetzt fitter als vor der Krankheit. So versuche ich den Selbstbewusstseinsverlust, den man erleidet, wenn man angeschlagen ist, zu kompensieren.

Das klingt fast so, als hätten Sie durch die Krankheit mehr gewonnen als verloren.

Berg: Ein Freund sagte mal: Du hast keine Kollateralschäden, sondern Kollateralvorteile. Natürlich sind bestimmte Dinge verloren gegangen, meine Unbekümmertheit zum Beispiel. Aber ich habe durch die Krankheit auch viele gute neue Erfahrungen gemacht, in der Familie und mit sehr guten Freunden, Therapeuten, Ärzten. Ich glaube, ich war früher stärker abhängig von beruflichen Erfolgen. Ich fand es toll, diesen oder jenen zu kennen. Heute denke ich: Wer war eigentlich Gysi? Hinzu kommt, dass ich religiöser geworden bin.

Fragen Sie sich manchmal, warum Gott Ihnen diese Krankheit aufgebürdet hat?

Berg: Diese Frage lehne ich ab. Ich habe mich ja auch nicht gefragt, warum mir so viel Positives im Leben widerfahren ist. Und bis heute habe ich mehr Grund zur Dankbarkeit als zur Klage.

Interview: Angelika Pentsi